Entrümpeln befreit Geist und Seele

Claudia Hötzendorfer

Ein- bis zweimal im Jahr Schränke ausmisten, Speicher und Keller entrümpeln oder sich von unnötigem Ballast trennen, schafft nicht nur mehr Raum, es befreit auch Geist und Seele.

Ab ins Zwischenlager!
Die Handwerker machten sich drei Wochen lang in meiner Wohnung breit. Haben neue Rohre und Leitungen durch gleich drei Räume verlegt, viel Lärm und noch mehr Dreck gemacht. Danach stand Schrubberballett in drei Akten auf dem Spielplan. Schon beim Ausräumen der Zimmer war überdeutlich, was sich in den letzten Jahren so alles angesammelt hatte. Lang vermisste und längst abgeschriebene Gegenstände tauchten plötzlich wieder auf. Allerdings auch viel Überflüssiges.
  Nachdem Klempner und Elektriker wieder abgezogen waren, wollte ich nicht gleich wieder die frisch gestrichenen Zimmer mit all den Dingen zupacken, die ich ganz offensichtlich doch nie brauchen werde. Bei vielen Sachen fiel mir die Trennung leicht, bei anderen kamen Zweifel: Vielleicht brauche ich das ein oder andere doch noch mal.
  Mir kam der Vorschlag meiner Kollegin wieder in den Sinn: „Wenn Du dich nicht direkt davon trennen kannst, dann such dir ein Zwischenlager. Speicher oder Keller zum Beispiel. Pack die Sachen in einen Karton und stell ihn dort ab. Wenn Du in einem Jahr nicht wieder in die Kisten geschaut hast, dann wirf sie unbesehen weg. Denn wenn Du bis dahin nichts vermisst hast, dann brauchst Du die Sachen auch nicht mehr.“ 

Nicht gleich aufgeben! 
Es ist eine Sache, wenn man quasi gezwungen ist auszumisten, etwa wegen eines Umzugs oder wegen Renovierungsarbeiten. Eine andere ist es allerdings, wenn mal wieder der Schreibtisch überquillt oder der voll gestopfte Abstellraum den schwachen Wunsch, Ordnung ins Chaos zu bringen, gleich im Keim erstickt. Die Klassiker der Ausreden sind: „Das dauert ja ewig, bis alles sortiert ist. Dafür habe ich keine Zeit. Wenn ich da Ordnung rein bringe, dann bekomme ich nachher nicht mehr so viel unter.“ Ein interessantes Phänomen übrigens, denn die Masse der Dinge bleibt beim Ordnen natürlich gleich. Sinn macht es also, gleich auch Überflüssiges zu entsorgen.
  Experten wie Werner Tiki Küstenmacher und Lothar J. Seiwert empfehlen in solchen Fällen, sich nicht gleich entmutigen zu lassen und trotzdem Hand anzulegen, denn wenn man einmal angefangen hat, dauert es meist doch nicht so lang wie gedacht, bis Ordnung ins Chaos gebracht ist.

Umdenken
„Das einmalige Entrümpeln im Jahr wirkt wie ein Tropfen auf den heißen Stein“, weiß Dr. Rita Pohle, Feng Shui-Beraterin und Designerin. Nämlich dann, wenn dieser Vorgang nicht mit Umdenken und neuen Handlungsmustern kombiniert wird. Wer also nun befriedigt den gerade sortierten Abstellraum wieder mit all den überflüssigen Dingen des Alltags verstopft, wird nicht lange Freude daran haben. Denn irgendwann ist das Kämmerchen wieder gerammelt voll und jetzt kommt auch noch die Erinnerung an die letzte Entrümpelungsaktion hinzu. „Hat doch gar nichts gebracht“, grummelt dann der ungebetene Gedanke. „Schau es dir an, alles wie gehabt.“
  Aber da ist auch die vage Erinnerung an Gefühle der Befreiung und Erleichterung – die sich mit etwas Disziplin und Training auf jeden Lebensbereich übertragen lassen, glaubt man den Experten Küstenmacher und Pohle.

Die Drei-Kisten-Methode
Kein Bergsteiger fängt gleich mit dem höchsten und schwierigsten Berg an. Das gilt auch für eine Entrümpelungsaktion. Es muss ja nicht gleich der ganze Speicher oder Keller sein. Der Schreibtisch oder ein Schubfach reichen fürs erste schon aus, um ein Gefühl fürs Sortieren, Einordnen und Aussondern zu bekommen. Um die Übersicht zu erleichtern, bieten sich drei Kisten oder Wäschekörbe an.
Kiste 1 ist für den Müll.
Kiste 2 nimmt alles auf, das an einen anderen Platz einsortiert wird (z.B. in Ordner, Schubfächer, Ablage etc.).
Kiste 3 ist für all die Dinge, die schließlich übrig bleiben sollen.
Kiste 1 ist damit gleich erledigt. Kiste 3 ist schnell ausgeräumt, denn sie enthält ja alle wichtigen Gegenstände, die auf dem Schreibtisch oder in der Schublade bleiben sollen. Danach kann Kiste 2 durchgearbeitet werden.

Das Vier-Stapel-System
Diese Methode soll auf den Ex-US-Präsidenten Eisenhower zurückgehen. Er arbeitete mit vier Stapeln, um seinen Schreibtisch immer auf dem neuesten Stand und in Ordnung zu halten:
Stapel 1 für den Müll (alte Prospekte, Kataloge, nicht mehr aktuelle Notizzettel usw.),
Stapel 2 für alles, was man weiterleiten und delegieren kann,
Stapel 3 für sämtliche Korrespondenz, die man selbst und bald erledigen sollte.
Stapel 4 ist für all die Dinge gedacht, die während der Ordnungsaktion bereits erledigt werden können (z.B. kurze Antworten per Fax oder E-Mail, alles, was telefonisch geregelt werden kann und schließlich in die Ablage wandert.)
Kiste 2 lässt sich beispielsweise nach dieser Methode hervorragend aufteilen.

Weg damit!
Viele kennen das Phänomen: man steht vor dem überquellenden Kleiderschrank und hat doch irgendwie nicht das Richtige anzuziehen. Im Küchenschrank drängelt sich Omas gutes Service mit dem Blau-Gepunkteten und dem Sechseckigen, das mal groß in Mode war. Irgendwo in der Ecke türmen sich alte Zeitungen und Magazine, Nippes ziert die Regale usw.
  „Ballast, Krempel, Kram, Gerümpel: Dahinter verbergen sich Dinge, über die wir ständig stolpern, die im Weg stehen und in den Ecken vergammeln“, weiß auch Dr. Rita Pohle. Der moderne Mensch konsumiert viel und sucht immer wieder nach Neuem, auch wenn das Alte noch lange benutzt werden könnte. Dr. Pohle empfiehlt in solchen Fällen, einen Trick anzuwenden. Wenn etwas Neues ins Haus kommt, fliegt etwas anderes raus. So muss nicht zusätzlich Platz geschaffen werden, denn er ist ja bereits vorhanden.

Nichts horten
Ein Tipp für alle, die Zeitungen und Magazine horten: Reicht die Zeit nicht aus, um die Zeitschrift ganz zu lesen, einfach die Artikel heraustrennen, die interessant sind. Zum einen wächst der Stapel nicht gleich auf einen halben Meter an, zum anderen lassen sich ein paar Seiten auch mal zwischendurch lesen und dann gleich entsorgen.
  Besonders Frauen geraten hin und wieder in eine Art Kaufrausch. In der Regel hat dieser Drang, unbedingt etwas kaufen zu müssen, das man eigentlich nicht braucht, psychologische Gründe. In solchen Fällen empfiehlt es sich, gleich mit wenig Geld und ohne Kreditkarte loszugehen. Ist der Wille stark, kann man sich auch gezielt fragen: „Brauche ich das wirklich?“ Hat das teure Stück trotzdem den Weg nach Hause gefunden, sollte man den Mut haben, es schnell wieder loszuwerden, wenn klar ist, dass man das Kleid nie trägt, den tragbaren Haartrockner nie benutzen wird und die Vase nun doch nicht mehr so hip findet.

Weniger ist mehr
Dann sind da noch die Souvenirs und Geschenke. Natürlich verbindet man besonders mit ersteren schöne Erinnerungen. Trotzdem kann auch ein ausgefallener Stein oder eine schöne Muschel ausreichen. Es muss ja nicht gleich die ganze Sammlung sein. Umso größer ist die Freude über ein besonderes Stück.
  Niemand möchte Freunde und Verwandte vor den Kopf stoßen, wenn das mit viel Liebe ausgesuchte Geschenk so überhaupt nicht den eigenen Geschmack trifft. Um des lieben Friedens Willen ziert das Ärgernis dann Jahre lang ein Bücherregal oder blockiert eine Ecke. Die Journalistinnen Gerti Samel und Sylvia Schneider setzen in solchen Situationen auf Ehrlichkeit und Selbstbewusstsein. Man kann nun mal nicht allen Erwartungen gerecht werden. (Mehr Tipps für Frauen – siehe Kasten).

Frauen entrümpeln anders
Wenn Frauen aufräumen, dann gründlich! Zumindest, wenn es ums Entsorgen von Überflüssigem aus Keller, Speicher oder Garage geht. Da stehen sie den Männern oft in nichts nach. Wesentlich schwerer als diese tun sich Frauen allerdings, wenn es um Abgrenzung im sozialen Bereich geht. Sie muten sich viel zu und halsen sich immer noch mehr auf. Die Autorinnen Samel und Schneider fanden es deshalb an der Zeit, ein paar entscheidende Vorschläge zu machen, wie Frauen ihr Leben vereinfachen können. In ihrem Ratgeber     „Clear your Life“ (siehe Lese-Tipps) stellen die beiden zehn Wege vor, wie Frauen effektiv mehr für sich erreichen können, wenn sie ihr Leben weniger voll packen (siehe Infokasten).
  Dabei spielt das Ordnung-Schaffen zu Hause und am Arbeitsplatz nur eine untergeordnete Rolle. Den beiden ging es viel mehr um die Belastungen auf der zwischenmenschlichen, seelischen, nicht zuletzt auch auf der körperlichen Ebene. Um sich von eingefahrenen Beziehungen zu befreien, braucht es Mut und Ehrlichkeit, sich selbst und anderen gegenüber. Gleiches gilt für das Einfordern der Stunden oder Tage, die frau für sich ganz allein hat, ohne Familien-, Büro- oder Freizeitstress. In dieser Beziehung können sie einiges von Männern lernen, die diese „Freistunden“ oft ganz selbstverständlich für sich einfordern.

Geistigen Müll vermeiden
Wir leben in einer Informationsgesellschaft, die es immer schwerer macht, aus dem täglichen Gedankenkarussell auszusteigen. Wie eine statistische Erhebung des Instituts für Demoskopie in Allensbach kürzlich nachwies, steigen immer mehr Konsumenten aus der Mediennutzung aus. Sie wollen sich nicht mehr dauerberieseln lassen von platter TV-Unterhaltung. Vielmehr schauen sie nur noch ganz gezielt fern und verbringen die so gewonnene Zeit wieder mit Freunden oder Tätigkeiten, die Körper und Geist fordern.
  Eine weitere Erscheinung der modernen Gesellschaft ist der energetische Ballast, den die lieben Mitmenschen über einem ausschütten. Ob es nun die Familie ist, die ständig an einem herumzerrt, die Freundin, die sich mal wieder dringend aussprechen muss, oder die Kollegen, die den neuesten Bürotratsch unters Volk bringen wollen. Psychotherapeuten sprechen in diesem Zusammenhang von Energievampiren (siehe auch Visionen 4/03). Dieser energetische Ballast drückt nieder. Dem lässt sich jedoch entgegenwirken. Beispielsweise indem man jeden Abend vor dem Zu-Bett-Gehen die Ereignisse des Tages Revue passieren lässt. Entweder schreibt man alles auf oder verabschiedet sich gedanklich von diesem Tag. So trägt man den Ballast nicht in den nächsten Tag. (Weitere Tipps siehe Kasten) 

Reinigen und Klären
Um Räume von unliebsamen Energien zu reinigen, bieten sich verschiedene Möglichkeiten an.
1. Räucherwerk: Salbei, Weihrauch oder spezielle Mischungen eignen sich beispielsweise hervorragend, um Zimmer zu klären. Übrigens hilft Räucherwerk auch bestens gegen unangenehme Gerüche.
2. Trommeln und Rasseln: Manche Menschen schwören auf den heilsamen Klang. Sie gehen mit Rasseln oder kleinen Trommeln durch Haus oder Wohnung, um die bösen Geister und negativen Energien durch die offenen Fenster und Türen hinauszutreiben.
3. Durchzug: Dazu alle Fenster und Türen öffnen, den Wind so richtig durch alle Räume fegen lassen.
4. Wasser und Salz: Beides hat eine reinigende Kraft, ob nun symbolisch oder angewendet.
5. Renovieren: Wer es handfester und weniger spirituell mag, der sollte vielleicht zu Farbe und Tapete greifen.

Geist und Seele Freiraum geben
Hausaltäre sind in vielen Ländern ein fester Bestandteil der eigenen vier Wände. Je nach religiöser Ausrichtung sind sie Heiligen gewidmet, der Natur und ihren Zyklen, Göttern oder einfach auch nur der Erinnerung an jemanden oder etwas. Was auf einen Altar gehört, ist Geschmackssache. „Ein glückliches Haus, in dem sich alle Bewohner wohl fühlen und gern aufhalten, zeichnet sich durch einen klar definierten Mittelpunkt aus“, so die Feng Shui-Expertin Dr. Pohle. In alter Zeit war das die Feuerstelle oder der Herd. Dieselbe Rolle kann heute auch der Ess- oder Küchentisch übernehmen.
  Eine andere Möglichkeit zur Sammlung und Konzentration ist nach Dr. Pohle die Einrichtung eines Altars. Jeder von uns gestaltet bewusst oder unbewusst einen solchen Platz. Interessanterweise wird dieser besondere Ort immer in Ordnung gehalten. In der Regel sind die Gegenstände auf das Wesentliche beschränkt oder werden je nach Thema und Bedürfnis durch andere ausgetauscht. Diese Konzentration auf das Wesentliche lässt sich mit etwas Übung und Geduld auch auf andere Bereiche des Lebens übertragen, um Geist und Seele mehr Freiraum zu geben.


10 Tipps für Frauen  ihr Leben zu entrümpeln:
Viele Frauen bringen Beruf, Familie, Hobbies und private Momente unter einen Hut. Irgendwann stellen sie sich dann die Frage: „Ist das wirklich alles nötig? Brauche ich all das oder ist es vielmehr nur Ballast?“ Gerti Samel und Sylvia Schneider haben in ihrem Ratgeber „Clear your Life“ (siehe Lese-Tipps) speziell für Frauen Tipps und clevere Tests zusammengestellt, wie sie ihr Leben vereinfachen können. Dabei sollen zehn Regeln den Weg zum Ziel erleichtern:

1. Weniger ist mehr: Nicht alles auf die Freizeit verschieben und ruhig einmal einen faulen Tag einlegen.
2. Ausgleich finden: Man entspannt am besten, wenn sich der Ausgleich vom Alltag unterscheidet. So empfehlen sich zum Beispiel für Büromenschen Bewegung oder für aktive Frauen ruhige Beschäftigungen wie Lesen, Meditieren, ein Spaziergang oder ein Erholungsbad.
3. Delegieren: Wünsche und Pläne anderer sollten in den Hintergrund treten: Der beste Schutz vor Ansprüchen anderer ist das Delegieren. Man muss nicht alles alleine machen!
4. Mut zur Lücke: Es muss nicht immer alles perfekt sein. Wem das Ergebnis nicht passt, der soll es erst mal selbst versuchen.
5. Erwartungsdruck reduzieren: Besser gleich damit rausrücken, wenn es etwas länger dauert oder die Sache nicht so leicht zu lösen ist. Das nimmt den Druck.
6. Zwischendurch entspannen: Immer mal wieder kleine Erholungsphasen in den Alltag einbauen.
7. Auszeiten nehmen: Auch die Familie muss jedem Mitglied Raum fürs Alleinsein lassen.
8. Freiräume lassen: Nicht immer gleich das ganze Wochenende verplanen.
9. Ausreichend schlafen: Schlaf ist Erholung.
10. Keinen Schlaf opfern: In Krisenzeiten auf keinen Fall auf Schlaf verzichten!

Diese Regeln sollen helfen, das Leben entspannter anzugehen. Wer sich geerdet fühlt und in sich ruht, der kann sich auch leichter von Ballast befreien. 


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