Shiatsu kontra Stress

Ulrike Schmidt

Im Laufe einer Shiatsu-Behandlung wird zumeist der Parasympathikus des autonomen Nervensystems aktiviert. Ulrike Schmidt, Shiatsu-Lehrerin und Mitbegründerin der Berliner Schule für Zen Shiatsu erläutert, warum Shiatsu auf viele Menschen so entspannend wirkt.


Shiatsu wirkt auf das
autonome Nervensystem
Foto: Ulrike Haffke

Neben mir auf dem Futon liegt eine Frau auf dem Bauch, die ich nie zuvor gesehen habe. Ich sitze neben ihr im Fersensitz auf dem Boden. Die Sonne scheint seidigmatt durch die Vorhänge. Von meinen Praxiskollegen sind entfernt Stimmen zu hören. Ich sammle mich, atme tief, bin gelassen. Dann lege ich sacht eine Hand auf den Rücken der Frau. Die Hand – warm, weich, schwer. Ich beginne mich nun um ihren Körper herumzubewegen. Meine Hände wissen, was zu tun ist. Nach kurzer Zeit atmet sie sehr tief, sehr ruhig, sie schläft! Wie kann das geschehen?
Um zu verstehen, warum eine Shiatsu-Behandlung auf viele Menschen sehr entspannend wirkt, ist es sinnvoll, sich in Erinnerung zu rufen, wie unser Nervensystem funktioniert. Einen Teil des Nervensystems nennen wir autonom – das autonome Nervensystem. Autonom (im Gegensatz zum willkürlichen Nerven­system) deshalb, weil wir mit unserem Alltagsbewusstsein darauf keinen Einfluss ausüben können. (Mit Hilfe intensiver Meditationstechniken kann eine Einflussnahme auf das autonome Nervensystem gelingen.)
Es entzieht sich also unserem Willen, unserer Befehlsgewalt. Das autonome Nervensystem unterteilt sich in zwei Äste: der eine wird der Sympathikus genannt und der andere der Parasympathikus. Diese haben verschiedene Aufgaben zu bewältigen: Entwicklungsgeschichtlich gesehen hilft uns der Sympathikus hauptsächlich, Kampf- und Fluchtsituationen zu meistern. Befinden wir uns Auge in Auge mit einem wildem Stier, einem hungrigen Tiger oder einem angeschossenen Büffel, muss der Körper – und zwar ziemlich schnell – sein ganzes Potenzial zur Verfügung stellen. Also: Adrenalinausschüttung (das Stresshormon), die Lungenfunktion wird erhöht, damit mehr Sauerstoff aufgenommen wird, das Herz pumpt wie wild, die Adern verengen sich, damit das Blut schneller fließt und dadurch der Sauerstoff auch schneller transportiert wird, z.B. zu den Muskelzellen. Alles im Körper ist auf höchste Aktivität eingestellt. Jetzt hat der Körper einfach keine Zeit für ein Nickerchen, für Verdauung, Ausscheidung oder für die Fortpflanzung. Logisch, nicht wahr? Das wäre glatt die falsche Zeit und somit lebensbedrohlich. Haben wir erst einmal den Büffel erlegt oder sind ihm glorreich entronnen und wähnen uns in Sicherheit, dann beginnt der Parasympathikus seine Arbeit: Puls- und Atemfrequenz senken sich, die Blutgefäße weiten sich wieder, Nahrung kann verdaut und Nahrungsreste können ausgeschieden werden, wir können ruhen, schlafen, uns paaren.

Auf Alltagsstress reagieren Nun besteht der moderne Alltag nicht aus derartigen lebensbedrohlichen Gefahren, wie unsere Ahnen sie erleben mussten. Die Gefahren heute sind möglicherweise sogar schlimmer einzustufen, da häufig ein Wechsel und somit ein Ausgleich zwischen "Gefahr" und "Sicherheit" nicht mehr stattfindet. Der Mensch von heute erlebt vielfältige "Gefahrensituationen", und das nennen wir dann Stress! Schulstress, Arbeitsstress, Freizeitstress, Beziehungsstress, Urlaubsstress, Stress mit Kindern, Eltern, Nachbarn, Chefs, Autofahrern, und und und ... Angst zu versagen, nicht gut genug zu sein, verlassen zu werden, entlassen zu werden ... Obwohl die Gefahren von Seiten der Natur tatsächlich in unseren Breitengraden weitgehend nicht real existieren, reagiert der Sympathikus bei Stress, denn das ist seine Aufgabe. Er versetzt den Körper-Geist-Seele-Komplex des Menschen in eine erhöhte Bereitschaft, bei anhaltendem Stress in eine dauernde Alarmbereitschaft. Das wirkt sich u.a. auf unser Schlafverhalten aus, auf unsere Fähigkeit "abzuschalten" und zu verdauen.
Entscheidend für das Verständnis des autonomen Nervensystems ist nun, dass es sich um einen "Entweder-oder-Mechanismus" handelt: Entweder ist der Sympathikus aktiviert oder der Parasympathikus. Es ist wie "schwanger oder nicht schwanger" – beides gleichzeitig geht nicht.

Der Parasympathikus wird aktiviert Im Idealfall wird im Laufe einer Shiatsu-Behandlung der Parasympathikus aktiviert. Oft setzen unmittelbar nach der "Kontaktaufnahme" die typischen Verdauungsgeräusche ein. Das ist für uns Behandler die "Musik im Shiatsu", denn wir können folgern: Aha, der Parasympathikus hat sich "angeschaltet" und die Führung übernommen. Die Atmung vertieft sich spürbar, das Herz wird ruhiger, ganze Muskelgruppen können sich in kürzester Zeit entspannen (z.B. gut zu beobachten an der Halsmuskulatur: in Rückenlage rollt der Kopf oft von alleine entspannt zur Seite). In den Zeiten, in denen der Parasymphatikus "herrscht", erleben viele Menschen neben der tiefen körperlichen Entspannung auch Momente großer Geistesklarheit, kreativer Ideen oder überraschender Lösungen.

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