 Entspannung heißt auch: die eigenen Bedürfnisse stärker gewichten |
Herr Wiblishauser, warum ist Entspannung so wichtig für uns? Peter M. Wiblishauser: Aus zwei Gründen: Zum einen nehmen Stress und Leistungsdruck immer mehr zu. Im Zuge der negativen wirtschaftlichen Lage erhöhen sich die beruflichen Anforderungen, Konkurrenzdruck und Mobbing nehmen zu. Zum anderen haben es viele verlernt oder gar nicht erst gelernt, sich effektiv zu schützen, für sich zu sorgen, auf die inneren Signale der Überforderung zu achten. Es reicht nicht, gelegentlich Urlaub zu machen! Auch Fernsehen, Alkohol und Zigarette am Abend sind nicht das, was der Körper in seiner angespannten Lage wirklich braucht. So kommt es, dass die vielfältigsten psychosomatischen Beschwerden wie Schlafstörungen, Magenschmerzen, Kopfschmerzen, Reizbarkeit, aber auch Burn-Out-Syndrom immer mehr zunehmen. Zu den bekanntesten und effektivsten Entspannungsverfahren gehört das Autogene Training (AT). Was macht diese Methode so erfolgreich? Das AT ist deswegen so wirkungsvoll, weil es direkt beim körperlichen Schalthebel von stressbedingten Symptomen ansetzt. Dies liegt daran, dass man beim AT lernt, das vegetative Nervensystem, das für die Stressregulation zuständig ist, zu beeinflussen. Vereinfacht gesagt reagiert der Körper bei Stress u.a. mit einer Verengung der Blutgefäße, um genetisch programmierte Reaktionen wie Angriff oder Flucht zu erleichtern. Wenn man aber, wie bei uns (aus zivilisatorischen Gründen) üblich, bei Stress weder flieht noch angreift noch sich anderweitig körperlich abreagiert oder wenn der Stress nicht auf eine andere Weise beseitigt wird, dann bleibt es bei den verengten Blutgefäßen, was zu Kopfschmerzen führen kann. Mit Hilfe des AT kann man aber lernen, das vegetative Nervensystem dazu zu bringen, Entspannungssignale zu senden, was eine erneute Weitstellung der Gefäße bewirkt. Auf diese Weise verschwinden dann die Kopfschmerzen oder andere psychosomatische Beschwerden.
Neben dem Autogenen Training arbeiten Sie in Ihrer Praxis auch mit Progressiver Muskelentspannung (PME). Was ist darunter zu verstehen? Peter M. Wiblishauser: Das AT ist ein mentales Verfahren, bei dem man sich selbst Entspannungssuggestionen gibt. Diese wiederholt man über eine längere Zeit, bis ihre Wirkung eintritt. Die PME hingegen kommt ohne Suggestionen aus. Sie funktioniert hauptsächlich nach dem Prinzip muskulärer Anspannung und Entspannung. Die Wirkung ist aber weitgehend die gleiche. Dennoch gibt es Unterschiede. Diese liegen zum einen in der Methode. Manchen fällt es einfach leichter, z.B. die Muskeln im Schulterbereich anzuspannen und wieder zu entspannen, als sich erfolgreich zu suggerieren, dass "Schultern und Nacken warm und weich" sind. Ein zweiter Unterschied liegt in den gezielt ansprechbaren Körperregionen. Wer Bauchschmerzen hat, wird in der Regel mit der Sonnengeflechtsübung des AT – einer Wärmeübung für den Bauchraum – weiter kommen, als mit der Methode der Muskelrelaxation nach Jacobson. Das Anspannen der Bauchmuskeln ist in einem solchen Fall wohl weniger angebracht. Dagegen scheint sich die Muskelentspannung bei Tinnitus etwas besser zu bewähren. Das könnte daran liegen, dass hier der Ohrbereich direkter einbezogen werden kann.
Welche anderen Entspannungsverfahren sind Ihrer Ansicht nach empfehlenswert? Peter M. Wiblishauser: Yoga und Tai Chi sind ebenfalls sehr bewährte Entspannungsmethoden. Markant daran ist der höhere Anteil an körperlicher Bewegung. Wer sich gerne bewegt, wird möglicherweise mehr Freude an diesen beiden Verfahren haben als an den oben genannten, bei denen man normalerweise sitzt oder liegt. Andererseits dauert es hier eher länger, bis die Entspannung eintritt, als etwa beim AT. Bei der Meditation hingegen, einer weiteren Möglichkeit, sich zu entspannen und zu zentrieren, geht es hauptsächlich um den Aspekt der Versenkung. Hier sollte man in der Lage sein, etwa 20 bis 40 Minuten still zu sitzen. Es gibt übrigens nicht "die" Meditation, sondern sehr unterschiedliche Arten zu meditieren Auch die sogenannte "Oberstufe" des AT hat meditativen Charakter. Man konzentriert sich auf bzw. meditiert über Farben, Formen, Töne oder auch grundsätzliche Fragen (etwa: "Was ist mein Weg?"). Da man dabei sehr leicht mit mehr oder weniger unbewussten Gedanken, Impulsen oder Erinnerungen in Berührung kommt, empfiehlt es sich, einen erfahrenen Ansprechpartner hinzuzuziehen.
Was raten Sie Menschen, die im Stress des Alltags mehr zur Ruhe kommen und sich entspannen möchten? Peter M. Wiblishauser: Besonders wichtig erscheint es mir, den eigenen Bedürfnissen (nach Ruhe, Pause, Entspannung, Bewegung) zumindest den gleichen Stellenwert einzuräumen wie den Anforderungen, die andere an einen stellen. Wer immer nur für andere da ist, wird irgendwann ausgebrannt sein und man wird es ihm in den wenigsten Fällen danken. Wer aber bewusst auf sich achtet, wird mehr Lebensfreude haben und gesünder sein. Ein weiterer sehr wichtiger Punkt ist es, wie man sein Leben organisiert. Wer seit Jahren in einer unglücklichen Beziehung lebt, wer einer Arbeit nachgeht, die er nur ungern macht, wer seinen Tag weitgehend von anderen verplanen lässt, wird – mit welchem Entspannungsverfahren auch immer – nur an den Symptomen herumkurieren. Entspannungsverfahren sind sinnvoll, um kurzfristige Belastungen auszugleichen, um gesundheitliche Folgen früherer Versäumnisse auszubalancieren oder einfach nur, um sich zwischendurch etwas zu gönnen. Ihr Sinn ist es aber nicht, auf Dauer jedweden Stress aushalten zu können. Wer die genannten Entspannungsverfahren ernsthaft und länger praktiziert, wird aber ganz automatisch stärker für die eigenen Bedürfnisse sensibilisiert. Im Laufe der Zeit kommt es deshalb früher oder später bei den meisten zu einer stärkeren Gewichtung der eigenen Bedürfnisse in der generellen Lebensgestaltung.
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