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Statt das Leben in jedem Augenblick zu genießen, fühlen wir uns im Alltag nur allzu oft gehetzt und stöhnen unter der Last der Anforderungen. Friedrich Assländer erläutert im Interview, wie wir unser Leben entschleunigen und vereinfachen können und gibt praktische Tipps, wie wir unseren Alltag stressfreier gestalten und zugleich mehr Lebensqualität gewinnen können.
Michaela Himmel: Wir leben in einer Zeit beschleunigter Prozesse und eines immer schnelleren Tempos. Wie können wir der „Stressfalle" im Alltag entkommen und Stressfaktoren nachhaltig reduzieren?
Friedrich Assländer: Das Hauptproblem der meisten Menschen ist eine einseitige Ergebnisorientierung. Das Tun wird in seinen Erlebnisqualitäten übersehen und ausgeblendet. Wir erfüllen überwiegend die Erwartungen der anderen, die ein Ergebnis wollen. Das wird uns schon in der Schule beigebracht, die Note zählt. Und am Arbeitsplatz gilt nur Leistung, und die muss immer schneller erbracht werden. Die Lösung ist so simpel wie sie klingt. Das Problem ist die Beschleunigung, die Lösung die Entschleunigung, d. h. wir müssen Tätigkeiten finden, die wir bewusst und langsam tun. Statt zur U-Bahn zu hetzen, gehen Sie ein paar Minuten früher los und machen Sie einen Morgenspaziergang. Essen kann man von „schnell-billig-satt“ umwandeln in „gemütlich speisen“, in idealer Weise zusammen mit „liebevoll kochen“. Jeder Mensch hat in seinem Alltag Möglichkeiten, das Tempo zu reduzieren zugunsten von mehr Lebensqualität. Wir müssen die Freude am Gestalten und am Erleben wieder entdecken.
Himmel: Häufig machen wir uns den Stress und Zeitdruck durch unser Denken bzw. unsere Einstellung selbst. Brauchen wir ein „Zeitmanagement" und wie sollte das aussehen?
Assländer: Zeit ist immer da. Zeit kann man nicht stehlen, auch nicht verlieren. Kein Mensch hat mehr oder weniger Zeit als die anderen. Der Unterschied liegt in der Verwendung der Zeit. „Ich habe keine Zeit“ muss richtig heißen: „Ich habe keine Zeit für ...“. Es geht nicht um Zeitmanagement, sondern um Prioritätenmanagement: Was ist wirklich wichtig? Die Stressfalle entsteht, wenn wir Zeit mit Produktivität gleichsetzen – schneller arbeiten heißt mehr zu produzieren. Als „Produktionsfaktor“ wird Zeit zum knappen Gut. Wir wollen immer mehr haben, können, wissen, erleben. Es ist letztlich die Gier, die uns antreibt. Und dahinter steht die Angst vor dem Mangel: „Ich bin nicht gut genug, nicht schnell genug, nicht genügend informiert“ usw. Die Lösung heißt „weniger“ statt „mehr“. Jeder Mensch im Arbeitsprozess hat Bereiche, in denen er reduzieren kann. Selbstsichere Menschen können sich besser abgrenzen und gehen nicht so leicht in die Stressfalle. Zum Beispiel spart bewusstes Verzichten auf Wissen viel Zeit. „Das weiß ich nicht“ ist ein guter Satz, zu dem es nur ein bisschen Mut erfordert.
Himmel: Ein wirksames Stressmanagement beinhaltet neben der Vermeidung von Stress auch den Stressabbau und -ausgleich. Wie kann Stress Ihrer Erfahrung nach besonders wirksam abgebaut werden?
Assländer: Wir müssen lernen, nach innen zu lauschen: Wie geht es mir im Moment? Was brauche ich? Was würde mir jetzt gut tun? Diese Fragen sollten wir uns mindestens einmal pro Stunde stellen. Der Mensch - das bin ich selbst - ist der Maßstab aller Dinge. Außerdem müssen wir den Erwartungen, die von außen an uns gestellt werden, eigene Prioritäten entgegensetzen. Eine praktische Hilfe ist eine gute Tagesplanung, eine „to-do-Liste“ mit klaren Prioritäten. Nur weniges ist „sehr wichtig“. In diese Liste gehören auch Arbeiten an langfristigen Projekten. Es hilft, täglich eine halbe Stunde konsequent zu verwenden für das, was nicht eilig, aber wichtig ist. So entsteht kontinuierlich Großes und jener Stress wird vermieden, der durch Zeitdruck am Ende entsteht. Eine gute Regel für die vielen Kleinigkeiten im Alltag ist: Tu es gleich! Zum Beispiel wegräumen, wegwerfen, entscheiden usw.
Himmel: Wie finden wir im hektischen Alltagsgetriebe zu den Quellen unserer Intuition und Kraft? Was ist aus Ihrer Sicht wirklich wesentlich?
Assländer: Jeder Mensch muss immer wieder auftanken. Orte der Stille und Zeiten der Stille helfen, zur Ruhe zu kommen; sie stärken unsere Kraft und fördern unsere Kreativität. Im Alltag lassen sich Konferenzen mit Stille beginnen. Streitparteien kommen zur Ruhe, wenn drei Minuten Stille während der Debatte vereinbart wird. Es gibt Unternehmen, die einen Raum der Stille eingerichtet haben. In allen Firmen gibt es ein „stilles Örtchen“, auf das man sich zurückziehen kann. Kirchen sind ideale Orte, um still zu verweilen. Intensiviert wird die „Kraft der Stille“, wenn Sie Entspannungs- und Meditationstechniken beherrschen. Dann können Sie sich im größten Trubel mit Ihrer inneren Stille verbinden.
Himmel: Neben der Prioritätensetzung ist es wichtig, sich regelmäßige Zeiten der Erholung und Entspannung zu gönnen. Welchen konkreten Tipp haben Sie für Menschen, die damit Probleme haben, sich „Auszeiten“ zu nehmen? Wie können sie zu mehr Ruhe und Muße finden?
Assländer: Die menschliche Natur steht in einer Wechselwirkung mit den Rhythmen der Natur. Über unseren Willen können wir unserer Natur und ihrer Logik zuwider handeln. Wir können die Signale unseres Körpers ignorieren und uns zu immer mehr Leistung antreiben. Das geht nur eine begrenzte Zeit gut. Als erstes machen sich die typischen Stresssymptome bemerkbar, z. B. Gereiztheit oder Konzentrationsprobleme. Nach einer Weile kommen psychosomatische Beschwerden hinzu wie Schlafstörungen, Rückenschmerzen u. a. Die Lösung ist eine fester Tagesrhythmus mit festen Pausenzeiten. Nach ca. zwei Stunden verlangt der Körper und die Psyche nach einer Unterbrechung. Sie sollte ca. 15 – 20 Minuten dauern, in denen wir etwas anderes tun. Mittags eine halbe Stunde zu ruhen oder liegen ist ideal. Arbeitsmediziner haben herausgefunden, dass ein derartiges Pausenmanagement die tägliche Arbeitsleistung um über 30 % steigert.
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Stressfreier leben - Tipps für den Alltag:
- „Disziplin ist der Weg zum Ständig Glücklich sein.“ (Hildegard von Bingen)
Fangen Sie sofort an, wenn sie etwas verändern wollen. Nur Sie selbst, nicht die anderen können Ihr Leben verändern.
- Halten Sie die Veränderung auf jeden Fall 28 Tage durch, dann entsteht eine neue Gewohnheit. Erst dann entscheiden Sie, ob sie etwas gebracht hat. Danach wird Ihr neues Verhalten immer mehr zum Automatismus, wie das Zähneputzen oder das Schalten im Auto.
- Setzen Sie sich jeden Tag (außer Sonntag) drei Ziele:
(realistisch, konkret und messbar, schriftlich und als erreichtes Ergebnis formuliert) 1. eine dringliche Arbeit, die Sie endlich erledigen wollen; 2. eine Arbeit, die einen Beitrag zu einem wichtigen langfristigen Ziel leistet; 3. eine Aufgabe, die Ihnen heute besonders wichtig ist.
- Setzen Sie sich anfangs eher kleinere Ziele, die Sie auf jeden Fall erreichen können, damit Sie Erfolgserlebnisse haben.
- Integrieren Sie Zeiten der Stille in Ihren Tagesablauf.
- Üben Sie immer wieder den „Blick nach innen“:
„Wie geht es mir im Moment?“ “Was brauche ich?“ “Was würde mir jetzt gut tun?“
- Idealerweise meditieren Sie täglich zu einer festen Zeit. Meditation sollten Sie unter Anleitung eines guten Lehrers lernen.
- Strukturieren Sie Ihren Tag:
Zeiten der Muße sollten im Wechsel mit Zeiten konzentrierter Arbeit stehen. Die Regel des Hl. Benedikt: „ora et labora“, bete und arbeite, ist heute so aktuell wie vor 1400 Jahren. Markieren Sie die Übergänge von der Arbeit zur Entspannung durch kleine Rituale, eine Geste, einen still gesprochenen Satz oder ähnliches.
- Meiden Sie Stressprodukte:
- Fernsehen baut das Wohlfühlhormon Endorphin ab. Negativmeldungen und Nervenkitzel erhöhen den Stress.
- Essen Sie keinen Stress. Fleisch aus Massentierhaltungen hat den Lebensstress des Tieres gespeichert.
- Benutzen Sie keine Aufzüge. Gleichförmige Bewegungen wie Treppensteigen, gehen, joggen, rudern oder Radfahren harmonisieren die Gehirnwellen und bauen das Stresshormon Adrenalin ab.
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Buchempfehlung: Anselm Grün, Das Zeitmaß der Mönche, Herder Spektrum
Seminartipp: Unter dem Titel „Führen und geführt werden“ hat Dr. Assländer seine Erfahrungen zusammen mit Pater Anselm Grün in ein Seminarprogramm umgesetzt. Die Kurse finden in klösterlicher Umgebung im Haus Benedikt in Würzburg statt. Vier Meditationszeiten täglich sind fester Bestandteil der Kurse, in denen Führungstechniken und Managementwissen vermittelt werden. Die Teilnehmer/Innen erleben die Stille in der Meditation als Weg zu den inneren Quellen, zur spirituellen Seite unserer Existenz. Weitere Informationen: www.haus-benedikt.net oder www.f-asslaender.de
Dr. Friedrich Assländer, Diplom-Kaufmann, Dr. phil., ist selbstständiger Trainer und Unternehmensberater, Hochschul-Dozent und Buchautor. Langjährige Zen-Praxis bei Willigis Jäger und Rolf Drosten. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Führungstraining, Zeitmanagement, Coaching sowie System- und Organisationsaufstellungen. Er bietet Seminare und Meditationskurse an.
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