Einführung: Tai Ch´i Chuan

Friedel Kremer

Tai Ch’i Chuan bezeichnet einen Kampfstil, in dem die Faust bzw. die Hand die Kraft ausgibt, die aus der harmonischen Vereinigung aller Polaritäten herrührt. 'Tai Ch’i Chuan' wird daher auch gerne mit 'Höchster, endgültiger Kampfstil' übersetzt.

Geschichte Wie meistens im Orient lassen sich geschichtliche Daten nicht so allgemeingültig präzisieren wie es bei uns versucht wird. Vor allen Dingen wurde Tai Ch’i Chuan (in der anderen Schreibweise: Taijiquan) in vielen (Familien- und anderen) Traditionen weitergegeben, und nicht nur die Stile sind unterschiedlich, sondern auch ihre jeweiligen Ansichten über die Quellen.

Tai Ch’i Chuan wird meistens auf einen der sogenannten "Unsterblichen" mit Namen Chang San Feng (Zhang Sanfeng) zurückgeführt. Er lebte wohl etwa im14. bis Mitte des 15. Jahrhunderts und war Meister der (im Tai Chi –Jargon:) "äußeren Kampfkünste" (z.B. Shaolin Kung Fu). Im gesetzteren Alter scheint er taoistischer Mönch in den Wudang-Bergen (Zentralchina) geworden zu sein. Aus der Verbindung der Erfahrungen mit der Meditation, in der eine entspannte Körperhaltung und das Wissen um den Atem und die Energiebahnen des Körpers sehr wichtig sind, und den Bewegungen der Kampfkünste, schuf er die "13 Stellungen", die die Ursprungsformen des Tai Ch’i Chuan darstellen.

Begründer Später scheint Chang San Feng in die Nähe von Chenjiagou, dem Sitz der Chen-Familie verzogen zu sein. Chen Pu, der dort lebte, gilt als Begründer der Chen-Kampfkunsttradition. Chen Wanting, etwa 1600-1680, hat das System erweitert durch Vertiefung der taoistischen Kentnisse und Theorien über Yin und Yang, die (Energie-)Leitbahnen, Qi Gong (Chi Kung) usw. Er wird als Begründer des eigentlichen Chen-Tai Ch’i Chuan  erwähnt. Die Chen-Familie war lange Zeit die berühmteste Tai Chi-Familie. Über 12 Generationen hinweg wurden die Geheimnisse ihres Stils nur im innersten Familienkreis gelehrt. Heute ist er durch verschiedene Zweige der Familie über die Welt verbreitet .

Yang - Lu Chan (Yang Lou Sim) (1799-1873) gab sich als taubstumm aus, um als Gärtner in den Haushalt der Chen Familie aufgenommen zu werden (so lautet eine Version). Tagsüber beobachtete er heimlich den Unterricht und nachts ahmte er die Meister im stillen Kämmerlein nach. Erst nach zehn Jahren wurde er der Legende nach beim Lauschen überrascht  und vom alten Chen-Meister zur Rede gestellt. Dieser war ob der Qualität seiner abgeschauten Künste überrascht, und nahm ihn aufgrund seiner jahrelangen Loyalität als Schüler an. Er erwies sich als begabter als die Söhne des Hauses und sollte Bewahrer der Tradition werden. Er zog es jedoch vor, sich selbständig zu machen. Er reiste viel herum, um die Tai Ch’i Chuan-Kampfkunst an den äußeren Kampfkünsten zu messen. Seit seiner Zeit verbreitete sich auch der Yang-Stil des Tai Ch’i Chuan über China  und die ganze Welt.

Yang Cheng Fu (Yang Chin Po)(1883-1936)

Yang Cheng Fu (Yang Chin Po)(1883-1936), der Enkel von Yang Lu Chan, auch bekannt als "der Unbesiegbare", formte die heute bekannte lange Yang-Form und machte den bisher geheimen Familienstil einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Er formulierte die "10 Prinzipien" des Tai Ch’i Chuan, die bis heute gültig sind.

Laut Untersuchungen üben etwa 70% der Tai Ch’i Chuan-Praktizierenden eine Variante des Yang-Stils. Aber nur wenige Schüler erlernten seine Kunst in aller Tiefe, da auch hier die inneren Geheimnisse nur innerhalb der Familie und den in die Familie aufgenommenen Schülern offenbart wurden.

Yang Sau Chung (1910-1985) war der älteste Sohn von Yang Cheng Fu. Er begann sein Training mit 8 Jahren unter der strikten Aufsicht seines Vaters. Mit 14 begann er, seinem Vater beim Unterricht zu assistieren. Als er 19 Jahre alt war, unterrichtete er Mitglieder der chinesischen Regierung und reiste durch ganz China, um seinen Vater bei der Verbreitung des Yang-Stils zu unterstützen. Von ihm stammen die 13 Prinzipien, die die 10 von Yang Chen Fu formulierten weiter ausführen.

Zwei weitere Söhne aus späteren Ehen von Yang Cheng Fu gaben ebenfalls den Yang-Stil weiter; die kompletteste Ausbildung aber scheint Yang Sau Chung direkt von seinem Vater erhalten zu haben.

Er hat dann seine drei Töchter und drei "Familienschüler" ausgebildet. Der älteste Familien- bzw. Meisterschüler Ip Tai Tak lebt in Honkong, der zweite, Gin Soon Chu in Boston, USA und der letzte - anscheinend nicht mehr vollausgebildete - ist King Hung Chu, London.
Es gibt noch weitere Stile, die mehr oder weniger verbreitet sind: Der Wu-Stil, der von einem Schüler Yang Luchans entwickelt wurde; der Sun-Stil, Lee-Stil usw. -bei Interesse wird der Leser die Quellen durchsuchen müssen.

Methode bzw. Idee und Erklärung der Wirkung Was bedeutet "Tai Ch’i Chuan"?

TAI

In der chinesischen Schrift ist "TAI" das Bild eines gehenden Menschen, der sich seines Zentrums bewusst ist.
CHI

Das Zeichen "CH’I" besteht aus einem Baum als Zeichen vegetativen Lebens und einem Menschen zwischen Himmel und Erde, vor sich den Mund (Ernährung) und hinter sich die rechte Hand (Aktivität).
Tai Ch’i zusammengesetzt bezeichnet in der Architektur den Firstbalken (eines Hauses; der Balken, der das Dach trägt). In philosophischer Hinsicht bedeutet es "Das erhabene Letzte", "Das höchste Gesetz" und ist in etwa analog zum "Tao", das, was die Grundlage für alle Polaritäten bildet und sie alle zusammenhält. Dieser Begriff entstammt dem taoistischen Denken, das im Tao Te King, dem Buch vom Weg und Wirken, sowie im Buch der Wandlung, dem I Ging, und dem Nan Hua Zhen Jing, dem "Wahren Buch vom südlichen Blütenland" seinen Niederschlag gefunden hat.

CHUAN

Dieses Gesetz des Lebens erschließt er sich durch Mittel und Methoden. Diese werden durch eine geschlossene Hand "CHUAN" ausgedrückt. Das Bild der Faust weist auch darauf hin, dass es um Anwendung im Kämpfen geht. Tai Ch’i Chuan bedeutet einen Kampfstil, in dem die Faust/Hand die Kraft ausgibt, die aus der harmonischen Vereinigung aller Polaritäten herrührt.

"Tai Ch’i Chuan" wird daher auch gerne mit "Höchster, endgültiger Kampfstil" übersetzt. Der Tai Ch’i Chuan -Boxer folgt der Lehre von Lao Tse, dem Klassiker des Taoismus, der lehrte, dass das Weiche das Harte besiegt. Er sucht seine Stärke - wenn möglich - im Nachgeben und vermeidet den aggressiven Angriff. Wenn eine Auseinandersetzung ernst wird, kann aber auch eine mühelose Kraft (Fa jing) angewendet werden, der sich Härte nicht widersetzen kann. Sie entsteht dadurch, dass der Körper als Gesamtheit agiert und der Wille (Yi) die Energie (Ch’i) auf das Ziel hin bündelt.

Im Yang-Stil nach Yang Chen Fu lernt man, sich mit möglichst entspannter und gedehnter Muskulatur zu bewegen, was nur geht, wenn der Körper im Wesentlichen vom Skelett getragen wird. Durch die Tai Ch’i Chuan -Form, eine Abfolge von Bewegungen, die langsam, rund, weich und fließend ausgeführt werden, lernt man, die Gelenke richtig einzusetzen. Durch korrekte Druck- und Zugimpulse werden Sehnen, Bänder und Knochen gestärkt, sodass die Muskulatur von Haltearbeit entlastet wird und sich entspannen kann. Dadurch wird die innere Energie des Organismus (Ch’i) nicht mehr in ihrem Fluss behindert. Durch die Entspannung wird die Atmung vollständiger und das Chi kann in das Tan Tien, das Energiezentrum unter dem Nabel sinken, sich dort sammeln, und von dort bei Bedarf an jede Stelle des Körpers projiziert werden. Je mehr das Ch´i sinkt, umso stärker entwickelt sich der Körper.

Anwendungsbereiche Wo durch Entspannung die Atmung unbehindert und tief ist, funktionieren auch Blutkreislauf und Stoffwechsel optimal. Es können nicht nur Haltungsfehler im ganzen Körper individuell korrigiert, sondern tiefgehend die gesamte Gesundheit gefördert werden, und man erlangt eine völlig neue Art von innerer Kraft, die auf dem richtigen Einsatz des ganzen Menschen - Geist und Körper - beruht, und nicht auf dem Anspannen und Trainieren einzelner Muskelgruppen. Unter diesen Bedingungen spielen Alter und Geschlecht keine wesentliche unterscheidende Rolle mehr.
Deshalb ist Tai Ch’i Chuan empfehlenswert für orthopädische Probleme wie Fehlhaltungen, Entzündungen oder Degeneration der Gelenke, Bänderschwäche, für Wirbelsäulenprobleme, die ständig Schmerzen verursachen durch Nervenreizungen oder Muskelverhärtungen, zur Korrektur von Fußfehlhaltungen wie Senk- und Spreizfuß. Bei ernsthaften Beschwerden kommt natürlich nur ein sehr gut ausgebildeter Lehrer mit therapeutischer Erfahrung in Frage.

Aber auch eine Schwäche der Muskulatur kann überwunden werden; sonderbarerweise ohne dass man an Muskeltraining denkt. Der richtige Einsatz des gesamten Körpers kräftigt die Muskulatur auf natürliche und harmonische Weise, da die strukturierende Kraft des Ch’i überall aktiv wird.

Die klassische chinesische Medizin unterscheidet "heiße" und "kalte" Krankheiten und Beschwerden. Sie beruhen auf einer ungleichen Energieverteilung im System. Hier hilft – außer Akupunktur, Kräutern und heilsamer Diät die Bewegungs- und Atemweise des Tai Ch’i Chuan, indem die wärmende Energie durch die ungezwungene Aufrichtung der Wirbelsäule und des Kopfes beim Einatmen über die Dehnung des Rückens aufsteigt (die Rippen haben ihre Gelenke hinten neben der Wirbelsäule und sind bei Muskelanspannung im Rücken blockiert), während beim Ausatmen durch die Entspannung auf der Vorderseite die kühlende Energie sinken kann. Wenn dieser Kreislauf funktioniert, werden alle Organe angemessen versorgt; so gibt es weder einen Energiestau noch einen Energiemangel. Das hat einen heilsamen Einfluss auf alle inneren Probleme (Organ-, Stoffwechselerkrankungen).

Die entspannte Haltung hilft auch einer Entspannung des Geistes. In den Partnerübungen macht man die Erfahrung, dass Kämpfen und Hektik schwach und verletzlich machen, während man mühelose Kraft und großes Einfühlungsvermögen erhält, wenn man sich im Inneren wie im Äußeren entspannt und wach hält. Das wirkt Aufgeregtheit, Konzentrationsmangel, Depression und allen möglichen geistigen und emotionalen Problemen entgegen.

Über die Entwicklung der Lebenskraft hinaus kann das Tai Ch’i Chuan auch zum Spiegel einer Naturphilosophie werden und uns Zyklen der Entwicklung oder die Balance gegensätzlicher Kräfte bewusst machen. In diesem Sinne verwendet man das Tai Ch’i Chuan als Mittel zur Selbsterkenntnis und Reflexion.

Die höchst entwickelte Abwehrkraft (Wei Chi) kann weder durch schlechtes Klima noch durch harte soziale Bedingungen überwunden werden. Ein solcherart geübter Mensch ist wie ein Stehaufmännchen und bleibt unüberwindlich "aufrecht" (Zheng).

Durchführung Neben vielen verschiedenen, oft sehr einfachen Ch'i Kung-Übungen wird das Tai Ch’i Chuan als sehr komplexes System auf öffentlichen Plätzen, in chinesischen Krankenhäusern und in speziellen Tai Ch’i Schulen gelehrt. Großartige Wirkungen entstehen aber nur durch außergewöhnlichen Einsatz. In Europa und Amerika üben die Menschen oft nur einmal pro Woche oder intensiv im Urlaub. Selbst bei solch kurzen Abschnitten stellt sich körperliches Wohlbehagen ein, aber wirklich tiefgreifende Änderungen der Leistungsfähigkeit und des Gesundheitszustandes sind selbstverständlich erst bei längerer und täglicher Übung zu erwarten.

Auch wenn man kein großes Interesse an Selbstverteidigung hat, wird erst das Wissen über den Sinn der Bewegungen in der Anwendung den vollen Übungseffekt bringen.
Man beginnt mit der Solo-Form, einem vorgegebenen Bewegungsablauf, den man langsam und bewusst alleine übt. Die komplette Solo-Form dauert im Yang-Stil 15 – 20 Minuten. Hierbei lernt man den korrekten Umgang mit dem Körper kennen, findet seine Gelenke, entwickelt ein stärkeres Skelett – speziell Sehnen und Bänder, entspannt mehr und mehr die Muskulatur und vertieft den Atem. Die innere Energie kann dadurch besser zirkulieren. Dies ist kein schneller Prozess: die Bewegungen sollten gut verstanden und in den Umgang mit dem Körper integriert werden. Deshalb sollte man es als spannende Entdeckungsreise in seine eigenen Möglichkeiten verstehen. Die Form ist die Basis, das Fundament. Je besser man die Qualitäten hierin entwickelt hat, umso mehr Vorteile hat man von den anderen Disziplinen.

Waffenformen führen Fortgeschrittene weiter auf dem Weg, ihre Gelenke zu öffnen, innere Kraft zu entwickeln und sie besser nach außen zu projizieren. Im Yang-Stil werden nacheinander Säbel, Schwert und verschiedene Arten von Stöcken als Übungsgeräte verwendet.

Chi Kung (Qi Gong) bzw. Nei Gong-Übungen, meistens im Stand, unterstützen die Suche nach Stabilität und Balance und helfen, das Qi zu fokussieren und zu bewahren.
Nach einiger Erfahrung mit der Form beginnen Partnerübungen; zuerst das sog. Pushing Hands (Tui Shou). Durch den Kontakt mit einem Partner lernt man, Schwächen und Stärken seiner eigenen Struktur sowie die des Partners/Gegners zu fühlen und zu verstehen und richtig auf die Wahrnehmungen zu reagieren. Die Erfahrung, dass wahre Stärke nicht aus aggressiver Härte entsteht, sondern nur aus einer entspannten wachen Balance seiner eigenen Ganzheit, lässt eine neue Qualität im angstfreien Reagieren auf Stresssituationen wachsen: Die Ideen von Kampf und passivem Nachgeben zeigen sich als ineffektiv, während ein empfindsames Eingehen auf die Intentionen des Anderen unter Bewahrung der eigenen Position erfolgreich ist.
Man übt zuerst im Stand, beginnend mit dem Einsatz einer Hand, später kommt die zweite Hand hinzu, damit man komplett am Partner/Gegner "klebt" und so seine Absichten immer erkennen und kontern kann. Später wird das Ganze in Bewegung versetzt und die Beinarbeit mit Wa Pu trainiert; Ta Lu (Da Liu –"Großes Ziehen") kommt hinzu.
Im San Shou wird in einer vorgegebenen Form das Angreifen, Abwehren und Kontern geübt, das Verständnis der Anwendung der Bewegungen aus der Form vertieft und alle Qualitäten des Tai Ch’i Chuan abgerundet. San Shou ist der Übergang zur freien Selbstverteidigung, die zum Schluss entwickelt werden kann.

Risiken/Kritik Bei ernsthaften akuten oder chronischen Beschwerden sollte man seinen Arzt oder Heilpraktiker konsultieren und sich beraten lassen, ob Tai Ch’i Chuan die richtige Sportart für einen ist. Der Arzt oder Heilpraktiker sollte das Tai Ch’i Chuan natürlich selber kennen, um es richtig einschätzen zu können

Empfehlung/Eignung Da alle Übungen ohne Leistungsdruck und übertriebenen Ehrgeiz ausgeführt werden sollen, besteht eigentlich keine Gefahr der Überlastung oder von Verletzungen. Jeder noch so kleine Schritt auf das Ziel zu bringt mehr Leichtigkeit und Bewusstsein ins Leben, und macht den nächsten Schritt ein wenig leichter. Da die Form nicht auf dem Einsatz von Muskelkraft basiert, kann man sie bis ins hohe Alter ausüben, um entspannt, wach und agil zu bleiben.


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