Indianisches Heilwissen als Ergänzung moderner Medizin

Claudia Hötzendorfer

Das Wissen der Medizinmänner, Schamanen und Maya-Heiler (H‘men) kombiniert die Heilung von Körper, Geist und Seele. Denn nach ihrer Auffassung liegt die Ursache für viele Erkrankungen auf der seelischen Ebene. Ein Ansatz, den auch die moderne Medizin und Psychologie anerkennen muss.

Krankheit und Heilung
Ähnlich wie in östlichen Heiltraditionen verstehen die Indianer die Existenz jedes Lebewesens als Einheit von Geist, Seele und Körper. Bestimmend für die menschliche Existenz ist für sie die Harmonie von Seele und Geist. Ihnen wird eine wesentlich stärkere ursächliche Funktion zugewiesen als der Physis. Der Körper ist nur das Instrument, das die geistigen und seelischen Ursachen sichtbar macht. Selbst äußere Einwirkungen wie Verbrennungen, Knochenbrüche, Schnitte oder Vergiftungen führen die Heilkundigen letztlich auf eine Unachtsamkeit der nicht-körperlichen Ebene zurück. Indianische Heiler weisen moderne Mediziner gern darauf hin, dass beispielsweise ein Gallen- oder Nierenstein ebenso wie ein Magengeschwür nur die sichtbare Auswirkung der Disharmonie zwischen Geist, Seele und Körper sei. Darin liege die Ursache für die Erkrankung, die vorrangig zu behandeln sei. Immerhin hat sich diese Erkenntnis bei einigen Medizinern inzwischen zumindest bei Erkrankungen wie Magengeschwüren durchgesetzt.  
  Auch wenn sich immer wieder Medizinleute verschiedenster Stämme bereit erklären, ihr Wissen an die Washichus (Lakota-Begriff für die Weißen) weiterzugeben, bleibt das Wichtigste nach wie vor unergründlich. Ein indianischer Heiler kann allein durch den intensiven Kontakt mit einem Patienten – also durch das, was in der westlichen Medizin nahezu überhaupt nicht mehr stattfindet – schon überaus genaue Diagnosen stellen. Es konnte wissenschaftlich nachgewiesen werden, dass schon bei der ersten Ritualbehandlung, bei der zwischen Heiler und Patient kein Wort gewechselt wird, die Behandlung in eine positive Richtung gelenkt wird, sich Blutdruck und Urinwerte beispielsweise senken oder normalisieren. Die Medizinmänner führen das allgemein darauf zurück, dass Indianer schon von Natur aus ein anderes – offeneres – Verhältnis zu Körper und Seele hätten. Deshalb seien sie sich ihrer seelischen Potenz bewusster, als es die Weißen seien.
 
Indianische Psychotherapie
Eine Erfahrung, die auch der deutschstämmige Psychiater Carl A. Hammerschlag machte. Als junger Arzt zog es ihn nach Arizona, um den Indianern sein medizinisches Wissen weiterzugeben. Doch sein missionarischer Eifer wurde schnell gebremst, denn die Indianer waren ihm gegenüber verschlossen und abweisend. „Sogar die Patienten, die mich am meisten benötigten, schienen mit den Schultern zu zucken, wenn ich erklärte, was getan werden konnte, um sie zu heilen“, erinnert sich Hammerschlag in seiner Autobiografie „Der tanzende Heiler“. Erst langsam dämmerte ihm, dem studierten Mediziner, dass er von seinen Patienten eine Menge lernen konnte, um als Psychiater noch effektiver arbeiten zu können. Hammerschlag musste eine neue Perspektive zulassen und „Herz und Mund in Einklang“ bringen.
  Das bedeutete auch, seiner Intuition zu vertrauen und zu erkennen, dass seine Patienten Rituale als Unterstützung des Heilungsprozesses verstehen. Auch Träume spielen eine wichtige Rolle, beispielsweise um mit negativen Gefühlen und Ereignissen umgehen zu können. So gab ihm der Vater einer seiner Patientinnen, die mit Albträumen und Selbstzweifeln kämpfte, folgende Erklärung: Ihr Dilemma, als dessen Ursache er die Kräfte der Dunkelheit ansah, sei vergleichbar mit einer aushärtenden Geleemasse. Diese Kräfte dürfe sie nicht ignorieren, sonst würde sie innerlich verhärten. Vielmehr solle sie ihnen gegenüber treten, sie erobern und vertreiben. Deshalb riet er seiner Tochter, ein Dampfbad mit Salbei und anderen reinigenden Kräutern zu nehmen und die Botschaften ihrer Träume zu nutzen, um den dunklen Einflüssen begegnen zu können. Dr. Hammerschlag war schwer beeindruckt. Für ihn war der Vergleich mit dem verhärtenden Gelee „die beste Definition einer Neurose“. Sein Schluss aus diesem Erlebnis: „Die Patienten brauchen keinen Wissenschaftler, der Anweisungen aus dem Laborhandbuch ausführt. Sie wollen an ihrer Gesundheit und an ihrem Tod teilhaben.“ Deshalb sei die Verbindung und Kommunikation zwischen Heiler und Patient die Voraussetzung für eine Genesung.

Verlorene Seelen
Medizinmänner arbeiten mit Gebeten und Gesängen, sie räuchern und trommeln. Sie sind die Pflanzenkundigen. Wenn es jedoch um die Seele geht, dann konsultieren Indianer gern einen Schamanen, als Mittler zwischen den Welten. Nicht jeder Medizinmann ist ein Schamane, auch wenn es hin und wieder diese Kombination gibt. Der Schamane arbeitet mit Träumen, Geistführern wie Krafttieren und Visionsreisen.
  Eine der wichtigsten Aufgaben eines Schamanen ist die so genannte Seelenrückholung. Die Indianer sind davon überzeugt, dass sich ein Teil der Seele abspalten kann, um sich etwa vor einem Trauma zu schützen. Sozusagen als Überlebensreflex nach einem schweren Unfall, einem Missbrauch oder nach einer Operation. Nach dem Trauma kann der abgespaltene Teil wieder in die Seele zurückkehren, um sie mit neuer Energie zu versorgen. Die Schamanen kennen außerdem den Seelenraub oder das freiwillige Hergeben von Seelenteilen aus Liebe.
  Die amerikanische Psychologin Sandra Ingerman hat – basierend auf Michael Harners Idee des Core-Shamanism (Kern-Schamanismus) 1985 die Seelenrückholung für ihre Praxis aufgegriffen. Dabei konzentriert sie sich ausschließlich auf den eigentlichen Prozess der Rückführung. Dazu begibt sie sich gemeinsam mit ihren Klienten auf eine geistige Reise. Ihre Geistführer, beispielsweise Krafttiere, helfen ihr, die verlorenen Seelenstücke wieder zu finden und ihrem Besitzer zurückzubringen. Der Schweizer Psychologe Carlo Zumstein arbeitet mit dieser Methode, um depressiven Menschen helfen zu können. (Siehe hierzu Visionen 02/2001)   

Inipi – die Schwitzhütten- Zeremonie
Bei vielen nordamerikanischen Stämmen wurde die von den Lakota Inipi genannte Schwitzhütten-Zeremonie nicht nur zur geistigen Reinigung eingesetzt. Vergleichbar mit der finnischen Sauna half das starke Schwitzen in Kombination mit ätherischen Dämpfen, die durch die Verwendung bestimmter Kräuter hervorgerufen wurden, beispielsweise bei Entzündungen des Rachenraums und der Schleimhäute, es diente zur Vorbeugung gegen vielerlei Infekte, zur porentiefen Reinigung der Haut oder linderte Gelenk- und Gliederschmerzen. Die Inipi-Zeremonie war festen Regeln unterworfen. So ging in der Regel eine Zeit des Fastens der Schwitzhütten-Sitzung voraus. Fasten und Schwitzen waren nicht selten auch die Vorbereitung einer weiteren Behandlung.
  Inipi wird heute auch immer öfter außerhalb der Reservate in den USA und Europa angeboten (siehe Infokasten). Der kalifornische Stamm der Yokias bekämpfte Rheumaschübe erfolgreich durch Fichtenzweige, die auf heiße Asche aufgeschichtet wurden, um darauf einen fest in Decken eingewickelten Kranken für mehrere Stunden zu betten. Die Asche befand sich ihrerseits auf heißen Steinen, die regelmäßig mit einer Mischung aus Fichtennadelöl und verschiedenen Harzen übergossen wurde. Die so aufsteigenden Dämpfe konnte der Kranke durch die Decken aufnehmen und einatmen.   
  Zahnerkrankungen waren besonders bei den nomadisierenden Stämmen nahezu unbekannt. Das ist nicht nur auf die tägliche Reinigung durch Pflanzenfasern und das Spülen mit Kräuterextraken zurückzuführen. Laut Heinz J. Stammel, dem Autor des umfangreichsten und fundiertesten deutschsprachigen Buches über indianische Medizin (siehe Kasten), war ein weiterer Grund dafür das regelmäßige Kaugummikauen. Dieses Kaugummi wurde aus Schleimstoffen verschiedener Pflanzen (darunter Zuckerkiefer, Amberbaum, Schilfrohr und Becherpflanze) gewonnen, deren gummiartige Konsistenz sich nur durch langes Kauen im Speichel auflöste. Neben der desinfizierenden Wirkung brachte der natürliche Bubblegum auch noch einen frischen Geschmack.
  Ein weiterer Grund für die gesunden Zähne war die Ernährung. Rohkost stand besonders oft auf dem Speiseplan. Übrigens schwören bis heute indianische Medizinmänner und Heilerinnen, dass die Wirkung natürlicher Vitamine nicht durch ein noch so gut präpariertes künstliches Produkt zu ersetzen sei. Wissenschaftler konnten Anfang der 70er Jahre am „Human Dimension Institute“ in Buffalo/New York zwar nachweisen, dass sich natürliche Ascorbinsäure (Vitamin C) in ihrem biochemischen Aufbau (der laut Stammel einer „stark vibrierenden von Strahlenkränzen umgebenen Orange“ ähnelte) von einem synthetischen Präparat mit gleicher Vitamin C-Menge („eine flache, zweidimensionale Kreisstruktur ohne Kraftlinien“, Stammel) unterschied. Warum die natürliche Ascorbinsäure anders wirkt als die künstliche konnten sie bis heute allerdings nicht nachweisen. 
  Der Muskogee Medizinmann Bear Heart macht im Gespräch deutlich, dass entgegen gängiger Meinung die Heiler der Indianer keine „Alleskönner“ waren und sind. „Unter den Medizinleuten gibt es Heiler mit dem Wissen vergleichbar mit dem eines Allgemeinmediziners, der bestimmte Krankheiten nicht behandeln kann. Deshalb schickt er seinen Patienten zu einem Spezialisten.“ Der kann heute auch durchaus ein Schulmediziner sein. Die Behandlung durch einen Medizinmann läuft dann parallel zur Unterstützung des Genesungsprozesses. 

Heilen nach Maya-Art
Die Maya werden oft als Volk aus der Vergangenheit verstanden. Doch das ist falsch. Die Nachkommen der berühmten Baumeister Mittelamerikas leben noch heute in Mexiko, Guatemala, Belize, Honduras und El Salvador. Auch ein Großteil ihrer 28 Dialekte haben sich bis heute erhalten, ebenso wie einige ihrer alten Traditionen und ihr Heilwissen. Rosita Arvigo hat über 30 Jahre lang bei den Maya gelebt und ihre Heilkunst erlernt. „Für das Wissen der Maya ist in der modernen Zivilisation genügend Platz“, ist Rosita überzeugt und fügt hinzu: „Seit den 60er Jahren erobern sich Menschen des Westens die östlichen Heiltraditionen. Es wäre gewiss klug, den Blick auch einmal nach Süden (von Europa aus gesehen nach Südwesten; Anm.d.Red.) zu wenden und die alte Weisheit der Maya in den Wissensschatz der Welt aufzunehmen.“
  Ihre Heiler nennen die Maya H’men (gesprochen: Hehmän), was soviel wie Wissender bedeutet. Ein H’men ist Heiler und Priester in Personalunion. Wie bei den nordamerikanischen Stämmen arbeiten auch die Maya mit einem religiös-medizinischen System, das Heilkräuter, spezielle Massagen, Schröpfen (Ventosa), Pinchar (vergleichbar mit Akupunktur in Verbindung mit Aderlass) und Pulsdiagnostik mit einschließt (sie kennen 18 verschiedene Pulsarten, die Aufschluss über den Zustand des Patienten geben). Für die geistige Heilung setzen sie wie die Medizinmänner ihrer nordischen Verwandten Gebete, Seelenrückführungen, Traumreisen, Geistführer, Amulette, Räucherwerk und Mano (Handauflegen) ein. Rosita Arvigo beschreibt in ihrem Buch „Die Maya-Hausmedizin“ ausführlich, wie sich die Heilansätze der Maya zur Linderung von Beschwerden aller Art oder zur Unterstützung von klassischen Therapien und Behandlungen einsetzen lassen.

Der heilige Trank Essiac
1922 machte die kanadische Krankenschwester Rene Caisse eine interessante Entdeckung. Sie lernte eine alte Dame kennen, die ihr erzählte, sie habe vor 20 Jahren eine Krebserkrankung besiegen können. Dazu hätte sie 12 Monate lang zweimal täglich eine spezielle Kräutermischung der Ojibwa zu sich genommen, die ihr ein alter Medizinmann empfohlen hatte. Rene Caisse erfuhr, dass diese Essenz aus vier Kräutern angesetzt wurde: Klettenwurzel, kleinem Wintersauerampfer, Rhabarberwurzel und nordamerikanischer Rotulme. 50 Jahre lang setzte sie das Elixier mit guten Erfolgen bei aussichtlosen Fällen ein, die von der Schulmedizin nicht mehr behandelt werden konnten.
  1959 wurde der Leibarzt John F. Kennedys, Dr. Charles Brusch, auf die „Essiac“ genannte Mischung aufmerksam. Selbst ein begeisterter Forscher der Kräuterheilkunde, experimentierte er gemeinsam mit der inzwischen 70-jährigen Rene weiter und erweiterte die Mischung um nochmals vier Kräuter: Brunnenkresse, Rotklee, Braunalge und Kardobenediktenkraut. Diese Mischung konnte nun unter dem Namen „Flor Essence“ ausschließlich oral verabreicht werden. Vorher wurde der kleine Wiesensauerampfer injiziert.
  Doch trotz nachweisbarer Heilwirkung u.a. bei Tumorerkrankungen, Rheuma und Diabetes lehnt die kanadische Regierung bis heute „Flor Essence“ als Medikament ab. 1992 brachte dann ein kanadisches Unternehmen die Kräutermischung als „Heiltee“ auf den Markt. Heute wird „Flor Essence“ in 55 Ländern vertrieben und kann sowohl zur Vorbeugung als auch zur Unterstützung von Heilbehandlungen eingenommen werden. Damit ist einmal mehr beweisen, dass sich ein Blick auf die indianische Heilkunde durchaus lohnen kann.  


Indianische Heilpflanzen
673 indianische Heilkräuter hat die Schulmedizin inzwischen anerkannt und erfolgreich eingesetzt. Die Native Americans unterscheiden ausgehend von den jeweiligen Eigenschaften weibliche und männliche Pflanzen, die außerdem in warme und kalte Kräuter unterteilt werden.
Salbei wird aufgrund seines geraden hohen Wuchses mit dem männlichen Prinzip assoziiert, während das biegsame Süßgras für das Weibliche steht. Beide Kräuter werden bei Reinigungszeremonien eingesetzt. Zu den kalten Pflanzen zählen beispielsweise Kürbis, Melone oder Aloe Vera, da sie kühlend und entzündungshemmend wirken. Warme Pflanzen wie Chili oder Cayennepfeffer regen die Durchblutung an und wirken wärmend.
Bei einem Sonnenstich wird zunächst eine wärmende Brühe aus Rosmarin und Chilischoten verabreicht, um für kurze Zeit die Temperatur zu erhöhen. Danach werden wasserhaltige kalte Pflanzen wie Kürbis, Melone oder Gurke gegeben, um das Fieber langsam zu senken.
Für die Indianer sind Pflanzen ihre Brüder und Schwestern, die mit Respekt behandelt und die nicht verschwendet werden sollen.

Indianische Heilkräuter,
die auch hierzulande erhältlich sind
Amerikanischer Ginseng - Regt die Durchblutung und den Zellstoffwechsel an, stabilisiert das Nervensystem, senkt den Blutzuckergehalt, bewirkt außerdem eine Verzögerung des Vitamin C-Abbaus im Blut
Aloe - Wirkt abführend, gegen Blähungen und Husten, äußerlich angewendet gegen Hautreizungen, Verbrennungen, trockene Haut oder rheumatische Erkrankungen 
Echinacea - Heilt Wunden, Abszesse, Verbrennungen und Insektenstiche, wirkt reinigend auf Blut, Leber und Nieren, stärkt das Immunsystem
Cayenne - Fördert die Durchblutung, stärkt das Herz und unterstützt die Verdauung. Eine Prise Cayenne in die Schuhe gestreut, hilft gegen kalte Füße.
Kamille - Wirkt beruhigend, lindert Magenbeschwerden, reinigt und beruhigt die Atemwege bei grippalen Infekten
Löwenzahn - Hilft bei Verstopfung und wirkt harntreibend
Mais Tee aus Maisblättern oder -griffeln wirkt bei Verstopfung und Durchfall, bei Nieren- und Blasenleiden, wirkt außerdem blutdrucksenkend und kräftigend auf das Herz
Nepata Cataria (Katzenminze) - Wirkt beruhigend und Schlaf fördernd.  



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