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Die Zeit und andere Irrtümer
Wie Relativitätstheorie und Quantenphysik auch heute noch unser Verständnis erschüttern

Peter Lutz

Manchmal besteht der einzige Schutz gegen unbequeme Erkenntnisse darin, dass wir sie ohnehin nur schwer begreifen können. Dabei sind die Forschungsergebnisse der modernen Physik über die Zeit längst nicht mehr neu. Sie könnten aber, wenn sie wirklich in unser Bewusstsein durchsickerten, nicht nur unser Weltverständnis, sondern auch die ethischen Richtlinien unseres Handelns revolutionieren: Licht besteht aus Wellen und/oder Teilchen. Absolute Zeit gibt es nicht.

Manchmal besteht der einzige Schutz gegen unbequeme Erkenntnisse darin, dass wir sie ohnehin nur schwer begreifen können. Dabei sind die Forschungsergebnisse der modernen Physik über die Zeit längst nicht mehr neu. Sie könnten aber, wenn sie wirklich in unser Bewusstsein durchsickerten, nicht nur unser Weltverständnis, sondern auch die ethischen Richtlinien unseres Handelns revolutionieren: Licht besteht aus Wellen und/oder Teilchen. Absolute Zeit gibt es nicht. Raum und Zeit hängen voneinander ab. Was Realität ist, bestimmt derjenige, der sie beobachtet ... Westliche Logik verblasst angesichts einer solchen Fülle von Widersprüchen. Haben etwa eher die indischen Weisen recht, deren Aussagen zur Weltschöpfung meist paradox waren? »Weder war etwas noch war nichts«, sagen die indischen Veden über den Ursprung der Welt.
Also: Existiert die Zeit nun oder existiert sie nicht? Oder weder noch?

Wir Menschen haben es gerne absolut. Ein Meter ist ein Meter, eine Stunde eine Stunde, oben ist oben, unten ist unten. Im Alltagsleben hilft uns eine solch beschränkte Sichtweise ungemein, aber daraus zu schließen, dass wir es in der Realität wirklich mit lauter festen Gegebenheiten zu tun haben, ist schlicht falsch.
In unserem klar umrissenen Weltbild werden wir dann immer mal wieder von Leuten aufgestört, die offenkundig unseren »gesunden Menschenverstand« beleidigen. Kopernikus war einer dieser Störenfriede. Bis zu ihm gab es ein absolutes Oben und Unten. Lange zögerte er, seine Erkenntnisse zu veröffentlichen. Plötzlich war nicht mehr die Erde im Mittelpunkt, sondern die Sonne. Und wenn es kein Oben und Unten mehr gibt, wo soll man mit Himmel und Hölle hin? Kopernikus wusste, dass er sich gegen vieles stellte, was der sogenannte gesunde Menschenverstand nie bezweifelt hatte. Heute – nach einem halben Jahrtausend, haben wir (mit Hilfe der Raumfahrt) begriffen, dass »oben« davon abhängt, wo ich mich auf der Erde befinde. In Neuseeland ist dort oben, wo für uns in Deutschland unten ist. Und in der Schwerelosigkeit des Alls werden die einstmals so klaren Vorstellungen totaler Nonsens.Dann kam der Darwin-Schock, den Fundamentalisten aller Richtungen bis heute nicht verdaut haben. Der Mensch ein Kind der Mutter Erde? Da schreien viele nach dem Vater. Immerhin wird um die wahre Abstammung des Menschen noch heftig gestritten. In vielen Bundesstaaten der USA darf Darwins Evolutionslehre bis heute in den Schulen nicht gelehrt werden.

Einstein – das verdrängte Genie
Um Einstein streitet heute niemand mehr. Oder noch nicht. Bisher werden seine Forschungsergebnisse von der Allgemeinheit, tiefenpsychologisch gesprochen, verdrängt. Zu mächtig wären die Veränderungen in unserem Denken. Einstein hat unsere Dogmen noch mehr gekränkt, indem er behauptet (inzwischen experimentell bewiesen),
- dass es im ganzen Universum keine Gerade gibt, weil aller Raum gekrümmt ist
- weder ein absoluter Raum noch eine absolute Zeit existieren
- dass Gleichzeitigkeit eine Illusion ist
- dass Raum und Zeit identisch sind.
In der Nähe eines sogenannten Schwarzen Loches wird die Zeit extrem langsam, bis sie stillsteht und sich der Raum so in sich selbst krümmt, dass er verschwindet – für einen Beobachter in sicherer Entfernung. Würde dieser ins Schwarze Loch stürzen, verliefe die Zeit für ihn wie gewohnt. Er würde sterben, auch wenn ein zweiter Beobachter feststellen müsste, dass er ewig lebt, weil die Zeit zum Sterben in aller Ewigkeit liegt. Hübsch, nicht?
Nebenbei hat Einstein noch gezeigt, dass zwischen Materie und Energie kein grundlegender Unterschied besteht, so wenig wie zwischen Eis und Wasser. 500 Meter über Hiroshima wurde 1945 ein einziges Gramm Materie in reine Energie verwandelt – die Wirkungen sind bekannt. Hundert Jahre sind es, seit Einstein seine Relativitätstheorie veröffentlichte. Vielleicht dauert es noch einmal vierhundert, bis sie allgemein begriffen ist. Jedenfalls wird unser Verständnis von Zeit dann ein völlig anderes sein.


"Zeit ist das, was verhindert, dass alles auf einmal passiert" John A. Wheeler, US-Physiker

Der Quanten-Schock
Inzwischen hat die Quantenphysik alles noch schlimmer gemacht. Die Jahrtausende alte Logik, die unser ganzes bewusstes Denken steuert, stimmt nicht. Diese Logik geht auf Aristoteles zurück, der z.B. sagt, dass etwas nicht zugleich sein und nicht sein kann. Die Physiker haben (teilweise zu ihrem eigenen Entsetzen) herausgefunden, dass sich kleinste Teilchen völlig unlogisch verhalten. Niels Bohr schreibt: »Diejenigen, die bei der ersten Begegnung mit der Quantentheorie keinen Schock erleiden, haben sie nicht verstanden.«
Das Licht besteht entweder aus Wellen oder Mini-Teilchen, den Photonen. Das hängt allein vom Beobachter ab. Das heißt, wir konstituieren die Realität durch unsere vorab gehegten Erwartungen. Und diese Photonen verhalten sich (wie andere Elementarteilchen) völlig unlogisch. Sie machen, jenseits aller herkömmlichen Logik, einfach was sie wollen. Dieses Chaos lässt sich paradoxerweise in exakte mathematische Formeln fassen. Am besten könnte man das Verhalten der Elementarteilchen damit erklären, dass sie eine Art von Bewusstsein besitzen. Aber darüber sprechen Wissenschaftler höchstens hinter vorgehaltener Hand.
Die für unser Denken schwerwiegendste Folgerung ist jedoch, dass eine objektive Beobachtung unmöglich ist. Egal, was wir beobachten: wir sind immer Mitspieler und bestimmen letztlich, was in der sogenannten Realität wirklich wird. Objektivität ist nichts als eine Bewusstseinsstörung.


"Diejenigen, die bei der ersten Begegnung mit der Quantentheorie keinen Schock erleiden, haben sie nicht verstanden." Niels Bohr, Begründer der Quantenphysik

Die relative Zeit
Eine grundlegende Schwierigkeit besteht schon darin, dass Raum und Zeit nicht getrennt sind. Einstein spricht immer von »Raumzeit«. Vor dem Urknall gab es weder Raum noch Zeit, dennoch sprechen wir von einem »vorher«, das es im Grunde gar nicht gab. Es gab nicht einmal das Nichts. Der Zusammenhang von Raum und Zeit ist für unseren Alltagsverstand nicht fassbar. Also lassen wir den Raum erst mal weg und sprechen von der Zeit.
Machen wir eine Phantasiereise als Raumfahrer. Die Rakete fliegt sofort mit 99,9 Prozent Lichtgeschwindigkeit von unserem Standpunkt los. Unser Double von der Erde kann mit seinen Instrumenten sehen, dass im Raumschiff alle Uhren unendlich langsam gehen  und sich alles in Super-Super-Zeitlupe bewegt. Dort steht – von hier aus gesehen – die Zeit fast still. In der Rakete merkt man nichts davon – alles geht seinen normalen Gang. Die Rakete wendet nach eine Stunde und heizt zurück. Nach weiteren 60 Minuten landet sie. Für die Raumfahrer sind genau zwei Stunden vergangen. Für den Doppelgänger auf der Erde knapp zwei Tage.

Jenseits unseres Vorstellungsvermögens
In unserer Phantasie könnten wir die Geschwindigkeit noch weiter steigern, so dass in den zwei Raumschiff-Stunden auf der Erde 1000 Jahre oder noch mehr vergangen sind. Reisen in die Zukunft steht also nur die bisher nicht entwickelte Technik im Wege. Die Vergangenheit dagegen ist für Einstein unerreichbar und unabänderlich, so dass eine Rückkehr unmöglich wäre.
Er fand heraus: die Zeit ist relativ, sie hängt ab von der (relativen) Geschwindigkeit dessen, der sie misst. Eine absolute Geschwindigkeit ist undenkbar. Dass die Zeit auch noch von der Gravitation, also der Schwerkraft, beeinflusst wird, macht das Ganze nicht einfacher. In der absoluten Gravitation eines Schwarzen Loches steht die Zeit (relativ) still. Das übersteigt unser alltägliches Vorstellungsvermögen. Meines auch.

Erleuchtung – vollkommene Gegenwart
Der Philosoph Ludwig Wittgenstein schreibt: »Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.«
Wir erleben die Zeit als absolut und haben das Gefühl, wir können dieser unerbittlichen Macht nicht entrinnen. Andererseits haben wir uns diese absolute Zeit erschaffen, weil wir nicht wollen, dass alles in diesem einen Augenblick passiert. Wir wollen die Klänge eines Musikstücks schön hintereinander hören. Viele brauchen die Vergangenheit, um sich in ihr vor der Gegenwart zu verstecken. Andere leben in der Zukunft und bauen ihre Luftschlösser. Vor der Gegenwart fürchten wir uns mehr als vor dem Tod. Man könnte auch sagen, vor der Erleuchtung, in der der Irrtum der Zeit entlarvt wird. Diese Furcht hat Folgen. Eine davon ist Fundamentalismus. Fundamentalismus bedeutet, dass etwas für absolut gehalten wird. Jeder Anhänger des Absoluten behauptet von sich, die absolute Wahrheit zu besitzen. Und da es nun mal verschiedene solcher Wahrheiten gibt, kämpfen sie gegeneinander. Wir wissen, was die christlichen, islamischen, hinduistischen usw. Wahrheitsbesitzer tun. Es ist längst nicht mehr der Kampf zwischen Arm und Reich, der da tobt. Es ist der Krieg der absoluten Überzeugungen gegeneinander, von Nordirland bis Vietnam. Hitler, Stalin und Pol Pot waren im Besitz je einer »absoluten Wahrheit«. Fast alle haben wir innere Überzeugungen, von denen wir nicht lassen – auch wenn wir deshalb anderen nicht gleich anderen die Köpfe einschlagen. Vor allem die ehernen Bilder, die wir von uns selbst haben, führen zu Angst und Leid.

Absolute »Wahrheiten« im Clinch
Der Osten ging einen anderen Weg. Unter den Anhängern von Buddhismus, Hinduismus und Taoismus mag es auch Fundamentalisten geben, aber der Kern dieser Weltanschauungen besteht in der mystischen Einsicht, dass alle Phänomene ihre Grundlage in einer einzigen Identität haben. Raum und Zeit, Sein und Nichtsein, Ursache und Wirkung, Wahrheit und Unwahrheit so wie alle anderen Gegensätze sind Illusionen, die unser Geist unter der Hypnose des »Maya« (Welt des Relativen, der Dualität, des Scheins) produziert. Dieses uralte Wissen wird mehr und mehr durch die moderne Physik bestätigt, auch wenn es den Wissenschaftlern dabei immer wieder mulmig wird. Die Kosmologen gehen inzwischen in der sogenannten String-Theorie sogar davon aus, dass neben unserer Realität unendlich viele andere existieren. Schamanen kennen einen Teil davon aus eigener Erfahrung.
Wir könnten beginnen, unsere eigenen absoluten und vielgeliebten Überzeugungen zu relativieren. Sie sind genau so relativ wie die Raumzeit und werden – völlig zu recht – von verschiedenen Beobachtern verschieden wahrgenommen. Wir könnten uns selbst mal von außen betrachten und verschiedene Standpunkte einnehmen. Das I Ging, das berühmte philosophische Orakelsystem der Chinesen, sagt, dass Selbsterkenntnis nicht im Schauen auf mich selbst besteht, sondern darin, dass ich die Wirkungen beobachte, die von mir ausgehen. So könnten wir lernen, dass es keine absolute Wahrheit gibt, sondern viele relative. Das hieße aber auch, sichere Gefängnisse zu verlassen. Die absolute Zeit ist unser Trost: etwas, woran wir nicht zu zweifeln brauchen. Die Angst vor Zweifeln aber hält uns in der Dauerstarre. Wir könnten vielleicht sogar beginnen, unsere Zweifel zu lieben. Sie entsprechen der lebendigen Realität besser als alle Dogmen.

Autor: Peter Lutz, Jg. 1937, in verschiedenen Berufen tätig: Rechtspfleger, kath. Priester, jetzt Oberstudienrat a.D., Vater und Opa. Er malt (www.peter-lutz-art.de) und schreibt. Er ist seit über 20 Jahren als Schamane tätig und gibt Seminare in schamanischem Reisen und Heilen.


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