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Das Körperschema der Angst auflösen
Von einem 'Körperschema der Angst' spricht man bei Klienten, deren Körperstruktur durch eine chronische Kontraktion der Beugemuskeln an der Vorderseite des Rumpfes, durch Rundschultern und eine eingeschränkte Atmung gekennzeichnet ist. In diesem Artikel beschreibt Bertram Wohak, Körpertherapeut und Aikidolehrer, wie die Arbeit mit dem Bokken - einem dem japanischen Katana nachgebildeten Übungsschwert aus Holz - dabei helfen kann, dieses 'Körperschema der Angst' aufzulösen.
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Schwertarbeit als Empowerment für Traumaopfer Als Körpertherapeut und Aikidolehrer arbeite ich immer wieder mit KlientInnen und SchülerInnen, deren Körperstruktur sich in einem Muster verfestigt hat, das Moshé Feldenkrais einmal als "Körperschema der Angst" bezeichnete: Eine chronische Kontraktion der Beugemuskeln an der Vorderseite des Rumpfes, ein abgeflachter Thorax und behinderte Atmung. Es ist die chronisch gewordene Form des entwicklungsgeschichtlich sehr alten Schutzreflexes, beim Fallen, bei Erschrecken, Angst oder Bedrohung unwillkürlich den Körper zu beugen und zusammenzuziehen und den Atem anzuhalten. Was ursprünglich dem Schutz des Organismus dienen und sich nach Beendigung der verursachenden Faktoren wieder auflösen sollte, hat sich als neuromuskuläres Körperschema verselbständigt und (nach Thomas Hanna) in Form einer "senso-motorischen Amnesie" der willentlichen Kontrolle entzogen. In diesem Artikel beschreibe ich, wie die Arbeit mit dem Bokken (einem dem japanischen Katana nachgebildeten Übungsschwert aus Holz) für das Empowerment von Traumaopfern eingesetzt werden kann, um dieses "Körperschema der Angst" aufzulösen. Es waren zwei Beobachtungen, die mich dazu brachten, die Arbeit mit dem Bokken nicht mehr ausschließlich in dem Kampfkunstkontext zu betrachten, in dem ich sie gelernt und lange Zeit praktiziert hatte: Biologie: Der Schutzreflex Unsere Bewegungs- und Haltungsmuster - auch die unangemessenen und uneffektiven - haben wir erlernt und unserem Nervensystem sozusagen einprogrammiert. Dabei sind unsere körperlichen Muster mit bestimmten Gedanken und Gefühlen untrennbar verbunden. Bei Erschrecken, Angst oder Bedrohung reagieren wir unwillkürlich mit dem Schutzreflex, einer Kontraktion der Beugemuskeln an der Vorderseite des Rumpfes. "Dieses Schema der Beugerkontraktion stellt sich jedes Mal wieder ein, wenn ein Mensch auf den passiven Selbstschutz zurückgreift, sei´s, weil zum aktiven Schutz ihm die Mittel fehlen, sei´s, weil er an seiner Kraft und Fähigkeit zweifelt. Die Streck- und Aufrichtemuskulatur ist dann notwendigerweise partiell gehemmt. Meinen eigenen Beobachtungen zufolge haben Menschen, die als 'introvertiert' gelten, einen gewohnheitsmäßig verringerten Streckertonus." (Moshé Feldenkrais: Die Entdeckung des Selbstverständlichen, S. 106) Thomas Hanna, der Begründer von "Hanna Somatics", charakterisiert dieses Muster der Beugerkontraktion als somatische Rückzugsreaktion: "Das Phänomen der somatischen Rückzugsreaktion ist ein sehr besonderes Ereignis. Um es zu charakterisieren verwende ich die Worte sich ducken und sich zusammenziehen. Genau diese neuromuskulären Funktionen sind die Antwort auf nicht tolerierbaren Stress. Bei der somatischen Rückzugsreaktion wird der Körper von der Peripherie her zum Zentrum nach innen gezogen und dadurch kleiner. Nicht nur die Wirbelsäule wird durch Muskelkontraktionen im Lenden- und Halsbereich verkürzt, auch die Arme und Beine, die Schulter- und Hüftgelenke kontrahieren, beugen sich nach innen und verringern dadurch die Körperbreite. Es ist dasselbe Sichducken und Zusammenziehen, das bei Tieren auftritt, wenn sie erschrocken oder verängstigt sind: Sie ziehen sich in sich selbst zurück, werden kleiner, angespannter und weniger sichtbar, so als wollten sie sich dadurch schützen, indem sie zu verschwinden versuchen." (Thomas Hanna: The Body of Life, S.35). Pathologie: Wie aus dem Schutzreflex das "Körperschema der Angst" werden kann Der Schutzreflex erfolgt schnell und ohne unser bewusstes Zutun. Er ist so etwas wie unser primitiver Beschützer, ausgelöst durch die Anteile unseres Nervensystems, die wir mit vielen nichtmenschlichen Lebewesen dieses Planeten gemeinsam haben. Was führt aber dazu, dass aus einem für das Überleben offensichtlich wichtigen Reflex bei uns Menschen im Unterschied zu Tieren so leicht ein chronifiziertes Körperschema wird? Therapie: Empowerment heilt Das Schlüsselkonzept hinter dem therapeutischen Einsatz meiner Bokkenarbeit heißt Empowerment. Das der Kontraktion und Blockierung zu Grunde liegende Gefühl von Ohnmacht kann sich auflösen, wenn die Betroffenen lernen, sich wieder mit den Quellen ihrer Kraft zu verbinden und sie die Erfahrung machen, dass sie zu erfolgreichem Selbstschutz in der Lage sind. So kann sich das "Körperschema der Angst" mit all seinen körperlichen, psychischen und sozialen Symptomen auflösen und die Menschen können körperlich und seelisch heilen. Dafür ist es notwendig, schrittweise die erforderlichen Ressourcen im Körper und im Selbstbild aufzubauen und zu lernen, die im "Körperschema der Angst" komprimierte und gebundene Energie auf eine freudige Weise expansiv nach außen zu befreien. | |
| Sich energetisch laden: Die Atmung Das Atmen ist der herausragende Körperprozess, der sowohl unbewusst vegetativ vom Körper wie auch bewusst und willkürlich vom Geist gesteuert werden kann. Atmen ist ein körperlicher und geistiger, materieller und nichtmaterieller, unbewusster und bewusster Prozess zugleich. Den meisten Menschen mit dem "Körperschema der Angst" ist ihre beschränkte Atemkapazität nicht bewusst. Sie dabei anzuleiten, wieder bewusster und tiefer zu atmen, hilft ihnen dabei, ihren Körper wieder mehr zu bewohnen und ihre Energie zu entwickeln. Es gibt eine Vielzahl von Atemübungen und Atemtechniken, bei meiner Bokkenarbeit unterrichte ich aber besonders eine Art zu atmen, die ich von meinem Aikidomeister gelernt habe und die außer in den Budokünsten auch im traditionellen japanischen Noh-Theater praktiziert wird. Ihr Prinzip besteht darin, den Atem im rechten Moment im Unterbauch zu halten und mit diesem Gefühl einer prall gefüllten Energiesphäre im Bereich des Körperschwerpunktes kraftvolle Handlungen auszuführen ohne dabei auszuatmen. "Eine der geheimen Techniken des Noh-Theaters besteht darin, zu wissen, wann du den Atem anhalten musst. Wenn du zum Beispiel von einer sitzenden in eine stehende Position wechselst, atmest du ein, während du noch sitzt, hältst dann den Atem an und stehst auf, ohne auszuatmen." (Yoshi Oida, mit Lorna Marshall: Der unsichtbare Schauspieler, S. 137) Auch Eugen Herrigel beschreibt in seinem Klassiker "Zen in der Kunst des Bogenschießens" diese Art der Atmung: "Drücken Sie nach dem Einatmen den Atem sachte herunter, so dass sich die Bauchwand mäßig spannt und halten Sie ihn da für eine Weile fest. Dann atmen Sie möglichst langsam und gleichmäßig aus, um nach einer kurzen Pause mit einem raschen Zug wieder Luft zu schöpfen – in einem Aus und Ein fortan, dessen Rhythmus sich allmählich selbst bestimmen wird. [...] Das Einatmen ... bindet und verbindet, im Festhalten des Atems geschieht alles Rechte, und das Ausatmen löst und vollendet, indem es alle Beschränkung überwindet." | |
![]() ![]() Abb. 1 und 2 |
Bei meinen Kursen hat es sich als sinnvoll erwiesen, diese Art zu atmen zunächst ohne Bokken beim Stehen und Gehen zu üben. Während die Arme gehoben werden und der Körper sich streckt, wird nach oben ausgeatmet. Im Zustand der maximalen Streckung ist der Körper leer. Nun wird kurz und tief bis in den Unterbauch eingeatmet. Es ist wie ein Essen von Luft, es fühlt sich an, als ströme die Luft durch die Handflächen ein und falle entlang einer senkrechten Linie hinunter bis in den Unterbauch, um das gesamte Körperzentrum mit einem kompakten und stabilen Gefühl zu füllen. Bei gehaltenem Atem werden mit diesem Gefühl die Arme fallen gelassen, wobei die Ellenbogen die Bewegung führen. Die Arme werden mit entspannten Schultern fallen gelassen, es wird keine besondere Betonung auf ein Schlagen oder Schneiden gelegt. Die Energie soll dabei nach vorne expandiert werden, das verbreitete "Holzhacken" nach unten würde den Körper eher komprimieren statt öffnen. Wird diese Bewegung anfangs ohne Bokken ausgeführt, so fällt es den meisten Teilnehmern leichter, Atmung und Bewegung zu koordinieren und ihre Energie mehr nach vorne und außen statt nach unten zu bringen. Die Zeigefinger werden dabei nach vorne gestreckt als seien sie Laserpointer, mit denen man an der gegenüberliegenden Wand Lichtpunkte malt (Abb. 2). |
![]() ![]() Abb. 3 und 4 |
Ressourcen entwickeln: Individuelle Arbeit mit dem Bokken Der Bokken ist ein Modell für das japanische Langschwert (Katana) und das Schwert selbst ist in vielen Kulturen ein archetypisches Symbol für das aktive, männliche Prinzip. Es steht für eine aufrechte und aufrichtige äußere und innere Haltung, es hat etwas Klares, Entschiedenes, Schneidendes, Unterscheidendes, Trennendes, Wehrhaftes. Es hilft sich abzugrenzen und auf eine effektive Weise Grenzen zu ziehen – bis hierher und nicht weiter! Mit dem Bokken zu arbeiten bedeutet, sich mit diesem Prinzip auf eine erfahrungsbezogene Weise zu verbinden, und das ist genau das, was KlientInnen mit dem "Körperschema der Angst" brauchen. Ressourcen anwenden: Partnerarbeit mit dem Bokken In der Partnerarbeit kann nun mit Situationen experimentiert werden, die zumindest modellhaft einen Bedrohungscharakter haben. Dies gilt sowohl aktiv wie passiv. Es ist interessant, dass fast alle Teilnehmer an meinen Kursen, die das Körperschema der Angst aufweisen, anfangs Schwierigkeiten haben, ihre Übungspartner authentisch mit dem Bokken anzugreifen und ihre Energie dabei nicht zu stoppen. Hier ist es wichtig, gerade für Anfänger Sicherheitsregeln einzuführen, langsam zu beginnen und dann erst entsprechend den bereits aufgebauten Ressourcen das Tempo zu erhöhen. |
![]() Abb. 5 |
Bei der ersten Übung stehen sich A und B so gegenüber, dass sich die Spitze des ausgestreckten Bokkens gerade so dicht vor dem Gesicht von A befindet, wie für ihn erträglich ist. Diese Bedrohung wirkt sich meist sofort auf Atmung und Körperhaltung von A aus. Der Schutzreflex wird so erfahrbar gemacht. Dann zieht B auf und schneidet mit einem gleichzeitigen Schritt nach vorne, während A einen Schritt zurück macht und dadurch den ursprünglichen Abstand wiederherstellt. A achtet dabei auf die zuvor geübte Art der Atmung und Körperstreckung. Entscheidend ist, dass A auch in dieser Situation von Bedrohung ein Gefühl von Souveränität, Sicherheit und Handlungsfreiheit entwickelt. Dann lässt sich die Bewegungsrichtung umkehren und A treibt B vor sich her, indem er seine Energie nach vorne projiziert. |
![]() Abb. 6 |
Bei der zweiten Übung kann der Abstand anfangs größer sein. B geht mit nach vorne gestrecktem Bokken auf A zu und zieht im richtigen Abstand auf, um zu schneiden. Statt zu kollabieren wird A größer, atmet tief in den Unterbauch, macht einen Schritt zur Seite und tritt mit seiner Energie in den Angriff von B ein. Dabei kann auch die zuvor beschriebene Art der Hand- und Fingerhaltung angewendet werden (Abb.6). Am Anfang wird es mehr ein Zurseitetreten als ein Eintreten sein, hastig angesichts des Angriffes, zu früh und zu weit. Meine Erfahrung mit vielen Nicht-Aikido-Praktizierenden zeigt aber, dass fast jeder in der Lage ist, bei allmählicher Steigerung des Tempos seine Reflexe zu beeinflussen und ein neues Gefühl von Kraft und Integrität angesichts von Bedrohungen aufzubauen. Literatur: |








